{"id":295,"date":"2013-07-26T01:10:42","date_gmt":"2013-07-25T23:10:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tosse.info\/?p=295"},"modified":"2013-09-03T07:54:54","modified_gmt":"2013-09-03T05:54:54","slug":"vor-mittag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.tosse.info\/?p=295","title":{"rendered":"Vor Mittag"},"content":{"rendered":"<p>Die Semmeln waren das Beste an seinem Fr\u00fchst\u00fcck. Diese der weiblichen Brust nachgeformten Br\u00f6tchen verbargen ihr feucht-weiches Innenleben unter einer goldbraunen, br\u00fcchigen Kruste; ihr mehliger, hefiger Geruch verband sich bestens mit dem Duft eines zu schwachen Kaffees &#8211; von dem er f\u00fcr alle sp\u00e4teren Tage zwei K\u00e4nnchen bestellte. Dick mit Butter bestrichen schien es egal, ob man die Semmelh\u00e4lften mit Wurst, K\u00e4se oder Marmelade zu sich nahm. Bei regelm\u00e4\u00dfigen Kaffeeintervallen war das Ergebnis immer ein vollendeter Genuss. Der konnte von den \u00fcbrigen Darreichungen, welche das Fr\u00fchst\u00fcck zu einem &#8222;reichhaltigen&#8220; machen sollten, (dieses hassenswerte Wort wurde ausnahmsweise gew\u00e4hlt, um die tief empfundene Abscheu des Patienten auszudr\u00fccken; Anm. des Autors) nur getr\u00fcbt werden. Den &#8222;nachhaltigen&#8220; Geschmack des Kaffees etwa dem bitter s\u00e4uerlichen Saft einer (nur unreif erh\u00e4ltlichen) Kiwi-Frucht zu opfern, musste ebenso t\u00f6richt erscheinen, als wenn man mit einem kalten Naturyoghurt alle Nachkl\u00e4nge des befriedigenden Kaffeegeschmackes ausl\u00f6schen w\u00fcrde, nur um seine Darmflora zu pflegen. (Der Verzehr eines sogenannten Fruchtyoghurts, hergestellt aus R\u00fcbenmelasse, Fruchtsirup und zweifelhaften Geschmacksstoffen, musste aus \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden ohnehin ausgeschlossen werden.) Es bleibt uns das R\u00e4tsel, wie oder warum dennoch alle \u00e4rztlich verordneten Fr\u00fchst\u00fccksbestandteile verschwunden waren, als das Tablett abger\u00e4umt wurde und der Chefarzt das Krankenzimmer betrat.<br \/>\nNach Priestern und Politikern bilden \u00c4rzte die dritte Berufsgruppe, die Hoffnung verbreitet, ohne nachpr\u00fcfbare, verbindliche Aussagen zu treffen. Nicht so Dr. Schreiber. Er erkl\u00e4rte nochmals die von ihm vorgenommene Fixierung der Fraktur, die Notwendigkeit einer weiteren Operation zur endg\u00fcltigen Korrektur der Verschiebungen mit einer von ihm bevorzugt eingesetzten, dreieckigen Platte mit Zugang zu den Knochentr\u00fcmmern und die Zeit bis dahin, die zum Abschwellen notwendig sein w\u00fcrde. Die Frage nach der Heilungschance beantwortete er mit der Schilderung zweier k\u00fcrzlich abgeschlossener Erfolgsbeispiele.<br \/>\nEr war beruhigt. Andererseits hatte er eine Woche Krankenhausaufenthalt vor sich. F\u00fcr einen Menschen, der kaum Ruhe vor gesch\u00e4ftlichen wie privaten Aktivit\u00e4ten kennt, eine ungewohnte Pause. Doch in diesem Jahr hatte er ohnehin mehr Ruhe gesucht &#8211; und auch gefunden. Es gelang ihm endlich, Stunden in einem Liegestuhl zu verbringen, im Bett vor sich hin zu d\u00f6sen oder eben in die Landschaft zu blicken, den sch\u00f6nen Ausblick zu genie\u00dfen &#8230;<br \/>\nNun aber, kurz vor Mittag, wollte er seine Emails durchsehen. Wie auf Bestellung ploppte sie auf, die Nachricht von Jackie. Vor kurzem hatte er sie erst in M\u00fcnchen getroffen, kurz, auf einen Aper\u00f3, wie sie sich ausgedr\u00fcckt hatte, gut gew\u00e4hlt, um ihre frankophil gepr\u00e4gten Anspr\u00fcche an ein genussreiches, entspanntes Leben zu bekr\u00e4ftigen. Jetzt hatte er die Quittung &#8211; in einem angeh\u00e4ngten Textdokument namens &#8222;Swingin Munich&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Semmeln waren das Beste an seinem Fr\u00fchst\u00fcck. 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