{"id":350,"date":"2013-07-27T22:15:18","date_gmt":"2013-07-27T20:15:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tosse.info\/?p=350"},"modified":"2013-09-11T08:55:43","modified_gmt":"2013-09-11T06:55:43","slug":"swingin-munich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.tosse.info\/?p=350","title":{"rendered":"Swingin Munich"},"content":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit schrieb Jackie. Sie schrieb nicht nur Emails, die der Verst\u00e4ndigung dienten, sondern sie h\u00e4ngte diesen Emails Textdokumente an, die zu garnichts dienten. Nichts, au\u00dfer vielleicht ihrer Belustigung. Auch seiner Belustigung, denn Humor hatte er, dunklen, fast schwarzen Humor, wenn es sein musste.<br \/>\nEs musste sein. Denn ganz offensichtlich war er, Igor, ein Objekt ihrer Belustigung geworden. Eine Figur, die sie auf dem ungeordneten Feld ihrer ausschweifenden Phantasie nach Belieben hierhin und dorthin schob, zum Lachen und Leiden brachte, straucheln, stolpern und sogar fallen lie\u00df. Eine Weile schon speiste sich ihre Phantasie aus einer Quelle: seiner Vergangenheit. Er fand sich wieder in Situationen, die er in dieser oder \u00e4hnlicher Weise erlebt zu haben glaubte, las Gedanken, die er, wenn er sie nicht wirklich gehabt hatte, sich doch gerne zu eigen machen w\u00fcrde, ertappte sie bei der Schilderung von Gef\u00fchlen, von welchen er sofort glaubte, dass er sich bei deren Empfindung h\u00e4tte ertappen k\u00f6nnen.<br \/>\nSicherlich hatte Jackie das ein oder andere \u00fcber ihn, selbst von ihm, geh\u00f6rt. Doch es gab zweifellos Teile ihrer Texte, die \u00fcber ihn hinaus gingen, die von ihr ausgingen und erst zu ihm wurden, nachdem er sie gelesen hatte! Damit schrieb sie sich in sein Gehirn, in seine Gef\u00fchle, in sein gesamtes Leben hinein, interpretierte seine Vergangenheit, schlimmer noch, kommentierte bereits seine Gegenwart und beeinflusste seine Zukunft. \u00c4hnlichkeiten mit lebenden Personen seien rein zuf\u00e4llig, hatte sie ihm lapidar in der ersten dieser an ihn gerichteten Emails mitgeteilt. Rein zuf\u00e4llig, ebenso zuf\u00e4llig wie dieses lieblos gew\u00e4hlte Pseudonym, dieser russische Name Igor, igitt! Es w\u00fcrde hoffentlich immer ein Geheimnis bleiben, welches Kriegserlebnis seiner Mutter damals den unumg\u00e4nglichen Anlass zu dieser geschmacklosen Wahl gegeben hatte!<br \/>\nEr hatte Jackie gerne am M\u00fcnchner Hauptbahnhof abgeholt, bei strahlender Nachmittagssonne, im offenen Wagen, damit sie vor der Weiterreise einen Aper\u00f3 zu sich nehmen k\u00f6nne, wie sie sich in ihrer frankophilen Art ausgedr\u00fcckt hatte. Nat\u00fcrlich hatte er ihre grazile Gestalt nicht irgendwo absetzen wollen, nicht in einem beliebigen Caf\u00e9, einer gew\u00f6hnlichen Bar. Wie von selbst waren in ihm Bilder von der Feldherrenhalle, dem Kultusministerium, dem Hofgarten aufgestiegen, als er nach einer geeigneten Umgebung f\u00fcr ihr Treffen gesucht hatte. Luigi Tambosi war zweifellos die richtige Adresse gewesen, nicht nur, weil sie sich dieses Lokal bereits fr\u00fcher gew\u00fcnscht hatte, sondern auch, weil die Sonnenstrahlen dort offenbar l\u00e4nger hin reichten, als anderswo &#8230;<br \/>\nDort musste er ihr Gehirn mit seiner Erz\u00e4hlung infiziert haben. Sie hatte feine Antennen und gesteigertes Interesse f\u00fcr Erotik. Er war deshalb vielleicht nicht ganz unschuldig gewesen, in der Wahl eines Themas der Unterhaltung, die eben so prickelnd und halbseiden hatte verlaufen sollen, wie die Aperol Spritz, die sie hatten zu sich nehmen wollen. S\u00fc\u00dflich klebrige, leicht bittere Getr\u00e4nke, die zweifellos die idealen Begleiter dieser Unterhaltung gewesen waren. Er hatte von seiner Einladung zu einem bevorstehenden Gartenfest eines befreundeten Ehepaares erz\u00e4hlt, das gerne Swingerclubs aufsuchte. Diese Erinnerung ploppte in seinem Gehirn ebenso blitzartig auf, wie seine gerade gemessene Pulsfrequenz in die H\u00f6he schnellte, als er den Namen des ihrer Mail angeh\u00e4ngten Textdokumentes &#8222;Swingin Munich&#8220; erblickte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit schrieb Jackie. Sie schrieb nicht nur Emails, die der Verst\u00e4ndigung dienten, sondern sie h\u00e4ngte diesen Emails Textdokumente an, die zu garnichts dienten. Nichts, au\u00dfer vielleicht ihrer Belustigung. 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