{"id":701,"date":"2026-09-02T16:16:46","date_gmt":"2026-09-02T14:16:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tosse.info\/?p=701"},"modified":"2026-09-04T13:39:43","modified_gmt":"2026-09-04T11:39:43","slug":"die-gekraenkte-menschheit-und-die-entmachtete-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.tosse.info\/?p=701","title":{"rendered":"Die gekr\u00e4nkte Menschheit und die entmachtete Demokratie"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwei B\u00fccher \u00fcber KI \u2013 und eine dritte Perspektive<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kr\u00e4nkung oder Erm\u00e4chtigung?<\/h2>\n\n\n\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz scheint unter Intellektuellen derzeit vor allem zwei Reaktionen hervorzurufen: Kr\u00e4nkung und Furcht. Der eine fragt, was vom Menschen \u00fcbrigbleibt, wenn Maschinen Leistungen erbringen, die wir bislang als Ausdruck menschlicher Intelligenz verstanden haben. Die andere fragt, was aus Gesellschaft und Demokratie wird, wenn wenige Technologiekonzerne \u00fcber Daten, Kommunikation, k\u00fcnstliche Intelligenz und zunehmend \u00fcber politische Infrastruktur verf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcdiger Safranski und Asma Mhalla stehen f\u00fcr diese beiden Perspektiven. Safranski schaut vor allem auf den Menschen und sein Selbstverst\u00e4ndnis, Mhalla auf die Macht. Beide beschreiben etwas Wesentliches. Und doch lassen beide eine Leerstelle: die politische Handlungsf\u00e4higkeit des Menschen in einer liberalen Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Safranski bezeichnet K\u00fcnstliche Intelligenz im Titel seiner Schrift als \u201evierte Kr\u00e4nkung\u201c des Menschen. Nach Kopernikus ist der Mensch nicht das Zentrum des Universums; nach Darwin teilt der Mensch seine Ahnenreihe mit dem Affen; nach Freud ist der Mensch durch das Unbewusste nicht Herr im Haus. Nun tritt die k\u00fcnstliche Intelligenz als vierte Zumutung f\u00fcr das menschliche Selbstbild auf. Etwas, das weder Leib noch Bewusstsein noch Empfindung besitzt, erbringt Leistungen, die bislang dem menschlichen Geist vorbehalten schienen. Safranski warnt zudem vor einer Delegation geistiger F\u00e4higkeiten: Wer Denken, Schreiben und Urteilen zunehmend Maschinen \u00fcberl\u00e4sst, k\u00f6nnte diese F\u00e4higkeiten selbst verlernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein ernstzunehmender Einwand. F\u00e4higkeiten verk\u00fcmmern, wenn sie nicht gebraucht werden. In zwei Kapiteln warnt Safranski vor vielen negativen Folgen der K\u00fcnstlichen Intelligenz. Um anschlie\u00dfend in einem argumentativen Krebsgang seine Eingangsthese der Kr\u00e4nkung infrage zu stellen. Wieviel mehr ist doch der menschliche Geist, welche Dimensionen teilt er nicht mit der KI! Wir freuen uns mit ihm \u00fcber jeden aufgefundenen Unterschied. Nur, warum dann der Titel?<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kann man sich als Intellektueller, der sein ganzes Leben mit Lernen, Exzerpieren, Redigieren, Diskutieren und eben Philosophieren verbracht hat, von den Leistungen der KI gekr\u00e4nkt f\u00fchlen. Der Aspekt der Kr\u00e4nkung ist auch aus Sicht der europ\u00e4ischen Geistesgeschichte, die das Denken als Unterscheidung zum Tier, als Existenzbest\u00e4tigung (cogito ergo sum) oder zumindest als Differenzierungsmerkmal des auf sich selbst zur\u00fcckgeworfenen Individuums betrachtet hat, naheliegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits ist KI ein vom Menschen geschaffenes Werkzeug, das (bis auf Weiteres) gepromptet und beherrscht werden kann. Warum sollte es kr\u00e4nkend sein, wenn ein solches Werkzeug Aufgaben besser erledigt als sein Sch\u00f6pfer? Es f\u00fchlt sich kaum jemand durch einen Schachcomputer, ein Navigationssystem oder einen Taschenrechner gekr\u00e4nkt. Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, uns die Leistung solcher Werkzeuge selbst zuzurechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum sollte das bei k\u00fcnstlicher Intelligenz grunds\u00e4tzlich anders sein? Bald wird man stolz darauf sein, was Menschen mit ihrer Hilfe zustande bringen. Der Architekt, Wissenschaftler, Ingenieur, Musiker, Unternehmer oder Autor verliert nicht notwendig an Bedeutung, wenn ein Werkzeug leistungsf\u00e4higer wird und seine M\u00f6glichkeiten erweitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht weniger, ob die Maschine uns \u00e4hnlich wird, sondern was der Mensch mit der Macht macht, die ihm dieses Werkzeug gibt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Safranskis Gewaltenteilung<\/h2>\n\n\n\n<p>Gerade hier ist Safranski politischer, als es seine Kr\u00e4nkungsthese zun\u00e4chst vermuten l\u00e4sst. Schon im ersten Kapitel, \u201eK\u00fcnstliche Intelligenz als Prothesengott\u201c, setzt er auf Seite 10 der drohenden \u201eTechnik als totale Macht\u201c das Prinzip der Gewaltenteilung entgegen. Dabei meint er ausdr\u00fccklich nicht nur die klassische Trennung von Legislative, Exekutive und Judikative. Er erweitert den Begriff auf die verschiedenen \u201eLebensm\u00e4chte\u201c \u2013 \u00d6konomie, Religion, Wissenschaft, Technik, Politik, \u00d6ffentlichkeit und Privatsph\u00e4re \u2013, deren Spannungen und wechselseitige Begrenzung den Einzelnen vor totalen Machtanspr\u00fcchen sch\u00fctzen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein starker Gedanke. Safranski erkennt, dass KI nicht blo\u00df technische oder anthropologische Herausforderungen stellt, sondern ein Machtproblem. Gerade eine \u201ekluge Gewaltenteilung und Ausbalancierung\u201c dieser Lebensm\u00e4chte soll verhindern, dass sich eine einzige Sph\u00e4re zur Totalit\u00e4t aufspreizt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Buches kehrt er zu demselben Motiv zur\u00fcck. Auf Seite 104 hei\u00dft es: \u201eGewaltenteilung soll sch\u00fctzen vor der \u00dcberw\u00e4ltigung durch eine einzige Macht, die sich zur Totalit\u00e4t aufspreizt.\u201c Und er benennt diese Macht unmittelbar: die digitale Technik, insbesondere die KI, \u201eangetrieben von einer gemeinwohlvergessenden \u00d6konomie\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit liefert Safranski fast schon die Formel f\u00fcr eine liberale Antwort auf die digitale Machtkonzentration. Doch ausgerechnet dort, wo ihre praktische Ausarbeitung beginnen m\u00fcsste, endet die politische Analyse. Er fragt, ob sich die Entwicklung \u00fcberhaupt noch \u201ein Grenzen halten\u201c lasse, l\u00e4sst die Frage offen und beschlie\u00dft seine \u00dcberlegungen mit Goethes Zauberlehrling. Dort gibt es gl\u00fccklicherweise noch den Meister, der die au\u00dfer Kontrolle geratenen Kr\u00e4fte wieder b\u00e4ndigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Safranski erkennt das politische Problem, aber er politisiert seine L\u00f6sung nicht. Er fordert Gewaltenteilung, bleibt jedoch schuldig, wer sie gegen\u00fcber der digitalen Technik herstellen soll und mit welchen institutionellen Mitteln. Am Ende l\u00e4hmt die Hoffnung auf den Meister das politische Handeln in der demokratischen Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Safranski kritisiert zurecht, dass dem technischen Fortschritt beinahe eine eigene Souver\u00e4nit\u00e4t zuschrieben wird. Eine nennenswerte Diskussion \u00fcber das Warum und Wie findet bei uns zu wenig statt. Auch Einschr\u00e4nkungen der \u201eQuasi-G\u00f6ttlichkeit des intelligenten Maschinenparks\u201c werden angesichts des rasenden Ver\u00e4nderungstempos zu langsam durchgesetzt. Totalit\u00e4re Macht besitzt (oder verleiht) die Technik als solche aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mhallas Cyberpunk: die Machtanalyse<\/h2>\n\n\n\n<p>An diesem Punkt wird Asma Mhallas \u201eCyberpunk\u201c besonders interessant. Ihre d\u00fcstere Welt entsteht nicht durch eine rebellierende k\u00fcnstliche Intelligenz, sondern durch eine neue Verbindung von staatlicher und technologischer Macht. Ihr \u201eBig State\u201c ist ein zweik\u00f6pfiger Leviathan: politische Macht auf der einen, die Macht der gro\u00dfen Technologiekonzerne auf der anderen Seite. Wo beide ineinandergreifen, entsteht eine Souver\u00e4nit\u00e4t, die sich demokratischer Kontrolle zunehmend entziehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon die Logik ihrer Kapitel \u2013 vom minimalen und zugleich totalen Staat bis zum kognitiven Totalitarismus \u2013 macht deutlich, wie umfassend sie die Entwicklung versteht. Das Entscheidende ist der scheinbare Widerspruch: Staatliche Institutionen k\u00f6nnen geschw\u00e4cht, privatisiert oder ausgeh\u00f6hlt werden, w\u00e4hrend die tats\u00e4chlichen M\u00f6glichkeiten zur Kontrolle des Einzelnen gleichzeitig wachsen. Weniger klassischer Staat bedeutet dann keineswegs weniger Macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Technologiekonzerne organisieren l\u00e4ngst einen gro\u00dfen Teil gesellschaftlicher \u00d6ffentlichkeit. Ihre Algorithmen entscheiden mit dar\u00fcber, welche Informationen sichtbar werden, welche verschwinden und welche sich explosionsartig verbreiten. Sie verf\u00fcgen \u00fcber Daten, Modelle, Kommunikationsnetze, Rechenzentren und andere Infrastruktur, die auch Staaten ben\u00f6tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mhallas Warnung vor einem \u201eCyberfaschismus\u201c oder kognitiven Totalitarismus ist drastisch, trifft aber einen entscheidenden Punkt: Macht muss heute nicht allein durch Verbote und Zwang ausge\u00fcbt werden. Man kann Menschen auch steuern, indem man Aufmerksamkeit organisiert, Wahrnehmung strukturiert, Affekte verst\u00e4rkt und den Informationsraum s\u00e4ttigt. Wenn ein technisches System dar\u00fcber entscheidet, was wir \u00fcberhaupt noch wahrnehmen k\u00f6nnen, muss ein totalit\u00e4rer Staat uns nicht mehr sagen, was wir denken sollen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die \u00fcberraschend private Antwort<\/h2>\n\n\n\n<p>Umso erstaunlicher ist die Konsequenz, die Mhalla aus dieser strukturellen Machtanalyse zieht. Ihre Antwort kreist stark um kognitive Freiheit, Distanz, Privatheit, die R\u00fcckgewinnung der eigenen Aufmerksamkeit und die F\u00e4higkeit zum Nein. Das ist keineswegs belanglos. Wer sein Urteil vollst\u00e4ndig an Empfehlungssysteme, Feeds und permanente digitale Reizung delegiert, verliert tats\u00e4chlich einen Teil seiner Autonomie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die praktische Konsequenz bleibt merkw\u00fcrdig klein gegen\u00fcber der Gr\u00f6\u00dfe der zuvor beschriebenen Bedrohung. Wenn das Problem ein zweik\u00f6pfiger Leviathan aus staatlicher und technologischer Macht ist, kann die Antwort sich nicht darin ersch\u00f6pfen, dass der einzelne B\u00fcrger bewusster klicken, weniger teilen und sich gelegentlich in die physische Welt zur\u00fcckziehen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kann pers\u00f6nlich vern\u00fcnftig sein. Politisch reicht es nicht. Der Einzelne kann keine Bot-Armeen verhindern. Er kann keine Plattformmonopole aufbrechen, keine Rechenzentren bauen, keine Interoperabilit\u00e4t erzwingen und nicht bestimmen, nach welchen Regeln Algorithmen politische \u00d6ffentlichkeit organisieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die vergessene liberale Demokratie<\/h2>\n\n\n\n<p>Die liberale Demokratie erscheint bei Mhalla \u00fcberraschend randst\u00e4ndig. Sie beschreibt ihre Erosion, ihre Aush\u00f6hlung und ihre m\u00f6gliche \u00dcbernahme durch neue technopolitische Machtstrukturen. Zugegeben haben liberale Demokratien (vor allem der USA) bisher wenig Wehrhaftigkeit gegen\u00fcber ihren neofaschistischen Bedrohungen gezeigt. Sie werden nicht ernst genommen, sie werden taktischen Gesichtspunkten untergeordnet oder schlichtweg ignoriert, anstatt fr\u00fchzeitig auf die massive Konfrontation zu reagieren, der die liberale Demokratie tats\u00e4chlich gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei besitzt gerade sie ein historisch erprobtes Instrumentarium f\u00fcr das Problem, das Mhalla beschreibt. Liberalismus beruht nicht auf der Annahme, Macht k\u00f6nne verschwinden. Er beruht auf Misstrauen gegen\u00fcber konzentrierter Macht. Deshalb Gewaltenteilung. Deshalb Grundrechte. Deshalb unabh\u00e4ngige Gerichte, \u00d6ffentlichkeit, Opposition und Kartellrecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum sollten diese Prinzipien ausgerechnet dort enden, wo Macht technologisch wird? Safranskis erweiterter Begriff der Gewaltenteilung k\u00f6nnte hier zum Ausgangspunkt einer praktischen Politik werden: Nicht die Technik muss gebannt, sondern ihre Macht muss verteilt, begrenzt und kontrolliert werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Regeln der neuen \u00d6ffentlichkeit<\/h2>\n\n\n\n<p>Der erste Ansatzpunkt sind die sozialen Plattformen. Facebook, Instagram, TikTok, X und ihre k\u00fcnftigen Nachfolger sind nicht blo\u00df private Kommunikationsdienste. Sie bilden einen erheblichen Teil der politischen \u00d6ffentlichkeit. Trotzdem werden die Regeln dieses \u00f6ffentlichen Raums im Wesentlichen von privaten Unternehmen festgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die liberalen Demokratien m\u00fcssen klarer erkennen, wo ihre schutzw\u00fcrdigen G\u00fcter gef\u00e4hrdet sind. Nicht \u00fcberall, wo Menschenw\u00fcrde, Meinungsfreiheit oder individuelle Freiheit reklamiert werden, werden diese G\u00fcter auch verteidigt. Sie k\u00f6nnen ebenso als Deckbegriffe f\u00fcr Manipulation, Einsch\u00fcchterung, Entmenschlichung oder die systematische Zerst\u00f6rung gemeinsamer \u00d6ffentlichkeit missbraucht werden. Eine wehrhafte liberale Ordnung muss solchen Missbrauch unterscheiden k\u00f6nnen, ohne selbst illiberal zu werden. Sie darf nicht jede Berufung auf Freiheit mit Freiheit verwechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Begriffe, auf denen die liberale Demokratie beruht, einer \u201eUmwertung aller Werte\u201c unterzogen werden, h\u00f6hlt das ihre normativen Grundlagen aus: Freiheit wird zur Freiheit des St\u00e4rkeren, Meinungsfreiheit zum Recht auf industrielle Manipulation, Menschenw\u00fcrde zum rhetorischen Schutzschild beliebiger Interessen. Eine Demokratie, die diesen Bedeutungswandel widerspruchslos hinnimmt, verteidigt ihre Werte nicht \u2013 sie \u00fcberl\u00e4sst ihre Definition anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird beim Verh\u00e4ltnis von Mensch und Maschine besonders deutlich. Meinungsfreiheit ist ein Recht von Menschen, nicht von Bot-Armeen. Automatisierte Accounts m\u00fcssten deshalb entweder ausgeschlossen oder eindeutig und dauerhaft als solche gekennzeichnet werden. Die massenhafte k\u00fcnstliche Erzeugung scheinbarer Zustimmung, Emp\u00f6rung oder gesellschaftlicher Mehrheiten ist keine sch\u00fctzenswerte Meinungs\u00e4u\u00dferung, sondern Manipulation der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu k\u00f6nnte ein Identit\u00e4tsnachweis treten, ohne daraus eine Klarnamenpflicht zu machen. Ein Nutzer k\u00f6nnte weiterhin unter einem Pseudonym auftreten; gegen\u00fcber einer vertrauensw\u00fcrdigen und datensparsamen Instanz m\u00fcsste jedoch nachgewiesen sein, dass hinter dem Konto ein realer Mensch steht. Anonymit\u00e4t kann sch\u00fctzenswert sein. K\u00fcnstliche Identit\u00e4t ist es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr politische Werbung, koordinierte Kampagnen und gro\u00dfe Reichweiten m\u00fcssten strengere Transparenzregeln gelten. Wer versucht, Hunderttausende oder Millionen Menschen politisch zu beeinflussen, sollte offenlegen m\u00fcssen, in wessen Auftrag, mit welchem Budget und mit welchen technischen Mitteln dies geschieht. Der Staat w\u00fcrde damit nicht entscheiden, welche Meinung richtig ist. Er w\u00fcrde die Spielregeln des \u00f6ffentlichen Raums bestimmen \u2013 genau wie er auch die Regeln einer Wahl bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kinder sind keine Trainingsobjekte<\/h2>\n\n\n\n<p>Besonders offensichtlich wird das regulatorische Defizit beim Schutz Minderj\u00e4hriger. Eine Gesellschaft reguliert Alkohol, Gl\u00fccksspiel, Pornografie, Arzneimittel und zahlreiche andere Bereiche mit der Begr\u00fcndung, Kinder k\u00f6nnten bestimmte Risiken noch nicht ausreichend einsch\u00e4tzen. Gleichzeitig \u00fcberlassen wir ihre Aufmerksamkeit hochentwickelten algorithmischen Systemen, deren wirtschaftliches Ziel darin besteht, m\u00f6glichst viel davon zu binden.<\/p>\n\n\n\n<p>Alterskontrollen, Einschr\u00e4nkungen personalisierter Werbung, Beschr\u00e4nkungen manipulativer Empfehlungssysteme und besondere Designvorschriften f\u00fcr Minderj\u00e4hrige w\u00e4ren deshalb nicht technikfeindlich. Sie w\u00e4ren klassische Schutzgesetzgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine liberale Demokratie sch\u00fctzt nicht nur Freiheit. Sie schafft Voraussetzungen daf\u00fcr, dass Menschen \u00fcberhaupt f\u00e4hig bleiben, Freiheit auszu\u00fcben. Gerade hier lie\u00dfe sich Mhallas Idee kognitiver Freiheit institutionell ernst nehmen, anstatt sie \u00fcberwiegend dem Einzelnen zu \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gewaltenteilung f\u00fcr Big Tech<\/h2>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chste Schritt reicht tiefer. Ein Unternehmen, das gleichzeitig Infrastruktur bereitstellt, Daten sammelt, Kommunikation organisiert, Werbem\u00e4rkte beherrscht und die daf\u00fcr entscheidenden Algorithmen entwickelt, vereinigt verschiedene Formen von Macht. Im politischen Bereich w\u00fcrden wir eine solche Konzentration niemals akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort trennen wir Legislative, Exekutive und Judikative gerade deshalb, weil wir nicht darauf vertrauen wollen, dass derjenige, der Macht besitzt, sie freiwillig vern\u00fcnftig einsetzt. Warum sollte das bei technologischer Macht anders sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Interoperabilit\u00e4t, offene Schnittstellen, Datenportabilit\u00e4t, die Trennung bestimmter Gesch\u00e4ftsfelder und notfalls die Entflechtung und Regionalisierung dominierender Unternehmen sind deshalb mehr als Wirtschaftspolitik. Sie w\u00e4ren eine Form digitaler Gewaltenteilung \u2013 eine praktische Umsetzung jenes Prinzips, das Safranski zurecht benennt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Souver\u00e4nit\u00e4t muss auch etwas besitzen<\/h2>\n\n\n\n<p>Doch Regulierung allein gen\u00fcgt nicht. Wenn europ\u00e4ische Staaten f\u00fcr Verwaltung, Wirtschaft, Verteidigung und Kommunikation vollst\u00e4ndig von au\u00dfereurop\u00e4ischen Cloud-Anbietern, Satelliten, Chipproduzenten und KI-Modellen abh\u00e4ngig werden, bleibt ihre Souver\u00e4nit\u00e4t formal.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann nur begrenzt \u00fcber jemanden herrschen, von dessen Infrastruktur man existenziell abh\u00e4ngig ist. Europa braucht deshalb eigene Rechenkapazit\u00e4ten, Cloud-Infrastruktur, Chipkompetenz, KI-Modelle und \u00f6ffentliche Datenr\u00e4ume. Nicht aus technologischem Nationalismus, sondern aus einem alten liberalen Gedanken: Abh\u00e4ngigkeit erzeugt Macht. Wer Macht begrenzen will, muss Alternativen schaffen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von der Kr\u00e4nkung zur Erm\u00e4chtigung<\/h2>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle begegnen sich Safranski und Mhalla noch einmal. Safranski f\u00fcrchtet um die geistige Sonderstellung des Menschen. Mhalla um seine politische und kognitive Autonomie. Beide Verteidigungsbewegungen haben ihre Berechtigung. Aber beide untersch\u00e4tzen auf unterschiedliche Weise den handelnden Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Safranski erkennt das politische Problem, ohne seine L\u00f6sung politisch auszuarbeiten. Er setzt auf Gewaltenteilung, benennt aber nicht, wer sie gegen\u00fcber der digitalen Technik herstellen soll und mit welchen institutionellen Mitteln. Wer will der Meister aus Goethes Zauberlehrlings sein? Mhalla analysiert die neue technopolitische Macht pr\u00e4ziser, bel\u00e4sst ihre Gegenstrategie aber auffallend stark beim Individuum: kognitive Freiheit, Distanz und die R\u00fcckgewinnung des Privaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eine wartet am Ende auf den Meister, die andere auf den souver\u00e4nen Einzelnen. Warten auf Godot? Die liberale Demokratie m\u00fcsste stattdessen selbst handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sollte sie Technik nicht nur als Bedrohung betrachten. Der Mensch darf sich k\u00fcnstliche Intelligenz aneignen. Er darf mit ihr mehr wissen, schneller arbeiten, besser gestalten und Dinge schaffen, die ihm ohne sie nicht m\u00f6glich w\u00e4ren. Er darf sogar stolz darauf sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche Gefahr beginnt nicht mit diesem Stolz. Sie beginnt, wenn aus gesteigerter F\u00e4higkeit ein gesteigerter Herrschaftsanspruch entsteht. Wer durch KI tausendfach kommunizieren, analysieren oder beeinflussen kann, besitzt Macht. Wer zus\u00e4tzlich die Infrastruktur kontrolliert, auf der andere Menschen arbeiten, kommunizieren und sich informieren, besitzt noch mehr davon. Wenn sich Menschen von einem Bruchteil ihres wirtschaftlichen Verm\u00f6gens unkontrollierte Massenkommunikationsmittel kaufen k\u00f6nnen, brauchen wir uns \u00fcber den Zustand der liberalen Demokratien nicht zu wundern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der entscheidende Gegensatz verl\u00e4uft weder zwischen Mensch und Maschine noch zwischen nat\u00fcrlichem und k\u00fcnstlichem Geist. Er verl\u00e4uft zwischen verteilter Erm\u00e4chtigung und konzentrierter Macht. Zwischen unvorstellbarer Kaufkraft und schleichender Verarmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die liberale Antwort auf k\u00fcnstliche Intelligenz m\u00fcsste folglich darin bestehen, m\u00f6glichst vielen Menschen Zugang zu ihrer Produktivit\u00e4t und ihren M\u00f6glichkeiten zu geben und gleichzeitig zu verhindern, dass wenige Akteure daraus eine neue Form politischer Souver\u00e4nit\u00e4t entwickeln. Das wird nur mit einer Begrenzung der wirtschaftlichen Macht einzelner Akteure funktionieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht R\u00fcckzug aus der technologischen Welt w\u00e4re dann die Antwort auf \u201eCyberpunk\u201c, sondern die Republikanisierung technologischer Macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Safranski erinnert daran, dass wir das Denken nicht verlernen d\u00fcrfen. Mhalla erinnert daran, dass wir uns das Denken nicht organisieren lassen d\u00fcrfen. Die liberale Demokratie m\u00fcsste einen dritten Satz hinzuf\u00fcgen: Wir d\u00fcrfen uns auch die Macht \u00fcber die Bedingungen unseres Denkens nicht aus der Hand nehmen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht besteht die \u201evierte Kr\u00e4nkung\u201c weniger darin, dass Maschinen uns bis zur Verwirrung simulieren k\u00f6nnen, sondern in der Erkenntnis, dass wir Menschen unsere selbst geschaffenen Machtinstrumente zwar technisch beherrschen, politisch aber nicht mehr zu begrenzen wagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00fcdiger Safranski:<\/strong> <em>Die Vierte Kr\u00e4nkung. Menschlicher Geist im Schatten der K\u00fcnstlichen Intelligenz<\/em>. Carl Hanser Verlag, M\u00fcnchen 2026, 112 Seiten. ISBN 978-3-446-28177-6.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Asma Mhalla:<\/strong> <em>Cyberpunk. Das neue totalit\u00e4re System<\/em>. Aus dem Franz\u00f6sischen von Stephanie Singh. C.H.Beck, M\u00fcnchen 2026, 137 Seiten. ISBN 978-3-406-85312-8.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei B\u00fccher \u00fcber KI \u2013 und eine dritte Perspektive Kr\u00e4nkung oder Erm\u00e4chtigung? K\u00fcnstliche Intelligenz scheint unter Intellektuellen derzeit vor allem zwei Reaktionen hervorzurufen: Kr\u00e4nkung und Furcht. 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